RUHR-KRIMINAL-ROMANE
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PEGASUS

Lange musste auf „Achsenbruch“ gewartet werden. 2002 war der bislang vorletzte Pegasus-Band „Glatzenschnitt“ erschienen. 2008 tauchte „Achsenbruch“ das erste Mal als „vorbestellbar“ in den Katalogen des Buchhandels auf. Bis das Buch dann wirklich erschien, vergingen weitere fünf Jahre.
Im Roman selbst vergeht die Zeit nicht so schnell. Dort befindet man sich seltsamerweise noch im Jahr 2006. Hauptdarsteller Klaus-Ulrich Mager, Kameramann der Dortmunder Pegasus Film & Video GmbH, hat sich kaum verändert. Der Alt-Leninist sieht die Welt immer noch durch seine Schwarz-Weiß-Brille und ist sich immer sicher, wo zwischen Kapitalinteressen, Polit-Filz und sozialen Ungerechtigkeiten Gut und wo Böse ist. Nur den Forderungen seiner Ehefrau nach einer partnerschaftlichen Teilung der Familienarbeit – Mager ist noch einmal Vater geworden – ist der Kameramann nicht gewachsen. Solche Themen kamen in seinem recht eindimensionalen Weltbild bislang nicht vor.
Hingegen vermutet Mager hinter jedem Verkehrsstau den sozialdemokratischen Polit-Filz als Ursache. Auch der tragische Verkehrsunfall, den ein unaufmerksamer Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen verursacht, kann nur einen Grund haben: die Profitgier eines kaltherzigen Bauunternehmers. Leider überzieht „Achsenbruch“ an dieser Stelle seine allzu simplen Erklärungsmuster, was den Roman ausgerechnet im Schlussteil etwas aus der Spur bringt. So hat Reinhard Junge etwas Mühe, die Geschichte wieder dem eigentlichen Anlass zuzuwenden. Denn der Lebensgefährte der Bochumer Oberbürgermeisterin ist bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen. Hauptkommissar Lohkamp wird unmittelbar vor seiner Pensionierung noch einmal reaktiviert und ermittelt trotz politischen Drucks unerschrocken.
Das Warten hat sich gelohnt. Reinhard Junge ist ein toller Roman gelungen, der nahtlos an die Pegasus-Erfolgsreihe anschließt. Die Schrullen des Klaus-Ulrich Mager werden liebevoll ausgeschmückt, der Bochumer Filz in Hochglanzformat beschrieben und das ganze zu einer spannenden Kriminalgeschichte verwoben.

Diese Krimireihe aus den Tiefen des sozialdemokratischen Ruhrgebiets begann 1988. Überall hatte „die Partei“ ihre Finger drin. Alles nur spannende und außerordentlich unterhaltsame Lektüre? Filz gäbe es überall, kommentierte damals der WDR, doch im Ruhrgebiet sei das Vorgehen „äußerst dreist und unverfroren”, dies sei einmalig. Der Filz werde dort nicht als Selbstbereicherung verstanden, sondern stehe in der Tradition der Solidarität innerhalb der Arbeiterklasse. Er sei eine Art Nothilfe, um dem Kapital etwas zu entreißen.
Hauptdarsteller auf der Seite der „Bösen” ist war damals Ekel Gerd Roggenkemper, Bürgermeister der Stadt Datteln am nördlichen Rand des Ruhrgebiets und Kolumnist einer Gewerkschaftszeitung. Der inzwischen verstorbene SPD-Rechtsaußen Horst Niggemeier, der wirkliche damalige Dattelner Bürgermeister, Pressesprecher der Bergarbeitergewerschaft IGBE und MdB, fühlte sich angesichts der gewollt unvollkommenen Tarnung zurecht angesprochen.
Auf der Seite der „Guten” arbeitet Pegasus. Dieser Laden hält sich mit Werbefilmchen und gelegentlichen journalistischen Beiträgen – anfangs vornehmlich für die Aktuelle Stunde – über Wasser.
Während der erste Krimi noch mit einem scheinbar ganz normalen Mord auf einer niederländischen Insel begann, geht der zweite und vielleicht beste Band „Das Ekel schlägt zurück“ gleich mit der Debatte um ein Trade & Recreation Center in Oberhausen in die Vollen. Parallelen mit der damaligen Diskussion um die Ansiedlung eines Riesen-Einkaufszentrums – daraus ist inzwischen das CentrO geworden – waren unübersehbar. Ein ausländischer Investor hatte sich gefunden und verschiedene Ruhrgebietsstädte versuchen sich das Projekt gegenseitig abzujagen – mit allen erlaubten und unerlaubten Tricks. Der dritte und vierte Roman setzen sich mit Kriegswaffenexporten und Organhandel auseinander. Brillant ist der 1995 erschienene fünfte Band, „Der Witwenschüttler“, in dem der NRW-Umweltminister Sebastian Wackershausen eine wenig rühmliche Rolle spielte – er wird nämlich in einer delikaten Situation ermordet. Vorbild dieser Figur: der mittlerweile verstorbene Klaus Matthiesen, der erst als Umweltministister und dann als SPD-Fraktionschef und notorischer Grünen-Gegner bekannt war.
AchsenbruchDie beiden Autoren Reinhard Junge und Jürgen Pomorin (Leo P. Ard ist sein Pseudonym) stammen aus dem Ruhrgebiet und engagierten sich damals in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) beziehungsweise derer Jugendorganistion SDAJ. Die Erstauflage des Bandes „Das Ekel von Datteln“ erschien 1988 im Weltkreis-Verlag, der zum Kölner Verlagshaus Pahl-Rugenstein gehörte und von der SED finanziert wurde. Nach dem Fall der Mauer ging der Verlag in Insolvenz, nachdem der Geldfluss aus der DDR versiegt war.
Längst ist Leo P. Ard zu einem viel beschäftigten und Grimme-Preis-ausgezeichneten Drehbuchautor geworden (Polizeiruf 110, Balko) und ist nach „Der Witwenschüttler“ aus der Buchreihe ausgestiegen. Der Gymnasiallehrer (im Ruhestand) Reinhard Junge hält nun das Pegasus-Team um Klaus-Ulrich Mager allein am Leben.

Leo P. Ard und Reinhard Junge | grafit

1.Das Ekel von Datteln nominiert für den „Glauser“ 1989
2.Das Ekel schlägt zurück  
3.Die Waffen des Ekels nominiert für den „Glauser“ 1991  
4.Meine Niere, deine Niere nominiert für den „Glauser“ 1992  
5.Der Witwenschüttler  
6.Totes Kreuz  
7.Straßenfest  
8.Glatzenschnitt
9.Achsenbruch


GRAPPA

1993 begann Maria Grappa in Dortmund – diese Stadt hat im Roman das Pseudonym „Bierstadt“ – ihre Arbeit. Im ersten Band findet sich die Lokalredakteurin einer Tageszeitung mitten im sozialdemokratischen Filz dieser Ruhrgebietsmetrole wieder, in den späteren Romanen kommen diese Anspielungen auf die Politik zunächst nur noch selten vor. Erst mit der Folge „Grappa und das große Rennen“ , die an die tatsächlich ereignete Prostituierten-Affäre des damaligen designierten Dortmunder Oberbürgermeister-Kandidaten Franz-Josef Drabig (SPD) anknüpft, befinden sich die Bücher wieder mitten in der Dortmunder Realität. Auch der Roman „Grappas Gespür für Schnee“ fand sein Vorbild in der Politik. Aus der Stadtkasse entwendetes Geld in mindestens sechsstelliger Höhe, mit dem eine Mitarbeiterin des Oberbürgermeister-Büros ihre Spiel- und Kokainsucht finanzierte, belasteten SPD-OB Gerhard Langemeyer und verhinderten auf Druck seiner Partei eine erneute Kandiatur. Die Autorin Gabriella Wollenhaupt arbeitet beim WDR in Dortmund.

Gabriella Wollenhaupt | grafit

1.Grappas Versuchung
2.Grappas Treibjagd
3.Grappa macht Theater  
4.Grappa dreht durch  
5.Grappa fängt Feuer
6.Grappa und der Wolf  
7.Killt Grappa!  
8.Grappa und die Fantastischen Fünf  
9.Grappa-Baby  
10.Zu bunt für Grappa
11.Grappa und das große Rennen  
12.Flieg, Grappa, flieg  
13.Grappa und die acht Todsünden
14.Grappa im Netz
15.Grappa und der Tod aus Venedig
16.Rote Karte für Grappa
17.Grappa und die Nackenbeißer
18.Es muss nicht immer Grappa sein
19.Grappas Gespür für Schnee
20.Grappa und die keusche Braut
21.Grappa und die Seelenfänger
22.Grappa lässt die Puppen tanzen
23.Grappa und die Toten vom See
24.Grappa sieht rosa
25. Grappa und die stille Glut

 


Von (mäßig) bis (super): Ruhrkrimi-Tipps der Horst-Schimanski-Homepage.

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